Loccumer Orgelbüchlein

Die Seifert-Orgel, errichtet 2012 bis 2013

von Ludolf Ulrich

Im Jahr 2010 beschließt der Konvent des Klosters nach intensiver Beratung mit Sachverständigen und Orgelbauern, die erneuerungsbedürftige Ott-Orgel in der Stiftskirche durch einen Orgel­neubau zu ersetzen. Die Ott-Orgel wird nach Frankreich verkauft und in der Kirche Saint Etienne in Nizza wiederaufgebaut. So bleibt sie erhalten. Der vom Konvent eingesetzte Orgelausschuss unternimmt unter der Leitung von Abt Horst Hirschler neben seinen Beratungen gezielte Orgelreisen. Eine Arbeitsgruppe verschafft sich so unter anderem unmittelbare Ein­drücke von der neuen Orgel der Magdalenenkirche in Hildesheim wie der Chororgel im Kaiserdom zu Speyer, beide von der Firma Seifert gebaut. Dann fällt die Entscheidung: Die neue Orgel für die Stiftskirche in Loccum wird von der Orgelbauwerkstatt Romanus Seifert & Sohn in Kevelaer (Niederrhein) erbaut. Am 1. Advent 2012 wird sie ihrer Bestimmung übergeben und so rechtzeitig zur 850-Jahr-Feier des Klosters aufgestellt. Seit dem Sonntag Laetare (10. März 2013) ist sie nach dem Einbau sämtlicher Register und nach abgeschlossener Intonation in voller Klangschönheit zu hören.

Die neue Orgel umfasst 37 Register mit 2.414 Pfeifen und ist auf drei Manualen bespielbar. Sie ist nicht auf ein bestimmtes Klangideal festgelegt. Die Disposition wurde „spätbarock-frühromantisch“ gestaltet. Auf ihr sollen vor allem Werke von Bach bis Mendelssohn, aber auch moderne Komponisten besonders gut klingen.Außerdem hat die Orgel noch ein eigenständiges, mitteltönig gestimmtes „spanisches“ Werk mit sieben Registern. Diese „Orgel in der Orgel“ lässt alte Musik aus der Renaissancezeit in besonderer Reinheit erklingen. Der Einbau dieser mitteltönig gestimmten Register ist auch eine Erinnerung an die große Loccumer Tradition, die sich in der Orgel Andreas de Mares aus dem 16. Jahrhundert verkörperte.Das äußere Bild der Orgel, die Gestaltung des Gehäuses, hat ganz wesentlich der Lüneburger Architekt Carl-Peter von Mansberg bestimmt. Lange wurde über den Standort der neuen Orgel diskutiert. Sie ist jetzt ebenerdig errichtet und steht im nördlichen Querschiff frei im Raum, ohne eine Wand zu berühren. Der Standort der Orgel erlaubt einen guten Blickkontakt zwischen Organist und Liturgen und ermöglicht einen direkten Klang in das Hauptschiff der Kirche hinein. Ein gemeinsames Musizieren der Orgel mit Chor und Instrumenten ist jetzt viel einfacher als früher.Mit dem Abbau der Ott-Orgel wurde auch die Empore aus den 1950er Jahren abgetragen. Dadurch ist die Sichtachse im Querschiff geöffnet und der Blick auf die Totenpforte frei. Hinter der Orgel entstand so ein schöner, kapellenartiger Raum.Das alte Fenster neben der Totenpforte ist von Johannes Schreiter als Auferstehungsfenster gestaltet worden. Links an der Westwand des nördlichen Querschiffs ist jetzt eine bronzene Skulptur aufgestellt, eine eindrucksvolle ökumenische Plastik des Künstlers Werner Franzen, die besonders gut zur Geschichte des alten Zisterzienserklosters passt: Christus neigt sich vom Kreuz herab und umarmt Bernhard von Clairvaux – und Martin Luther. Rechts hinter der Orgel hat man Zugang zur alten Mandelsloh-Kapelle, die zu einem Museum umgestaltet wurde.Für das Jubiläumsjahr 2013 hat das Kloster eine ganze Reihe von Orgelkonzerten im Festprogramm. Unter anderem sind sechs „internationale Meisterkurse Orgelimprovisation“ geplant. In der „Musik zur Einkehr“, die jeden Sonntag um 17.30 Uhr stattfindet, sind viele bekannte Meister des Orgelspiels in die Stiftskirche eingeladen. Die Loccumer Stiftskirche kann auf eine min­destens 600 Jahre lange bemerkenswerte Geschichte ihrer Orgeln zurück blicken. Die Loccumer Orgeln haben – jede zu ihrer Zeit – dazu beigetragen, die singende Gemeinde zu sammeln, Menschen zu trösten, aufzurichten und zu erfreuen, und nicht zuletzt mit „allen Registern“ das Lob Gottes anzustimmen.