Loccumer Orgelbüchlein

Die Renaissance-Orgel von Andreas de Mare, gebaut 1594 bis 1599

von Ludolf Ulrich

De Mare, ein Orgelbauer der Spätrenaissance, ist der Begründer einer Orgelbaufamilie, die von 1540 bis 1740 in Groningen und Bremen nachweisbar ist. Spätestens 1583 zog de Mare nach Verden/Aller, später nach Bremen, wo auch sein Sohn, Marten de Mare, als „Orgelmacher“ ansässig war. Bevor de Mare nach Loccum kam, hatte er bereits neue Orgeln in Groningen, Zuidbroek, Loppersum, Norden, Emden, Kloster Thedinga bei Leer, Bremen (St. Stephani), Hannover (Marktkirche) und Stadthagen (St. Martini) gebaut. Zweifellos hatte er, als Abt Fenger ihn nach Loccum holte, schon einen Namen.Abt Fenger ließ die neue Orgel im Westteil der Kirche errichten, wo die Gemeinde jetzt ihre Gottesdienste feierte.Andreas de Mare galt als fortschrittlicher Orgel­bauer. So baute er bereits Transmissionen aus dem Hauptwerk, d.h. einzelne Register aus dem Hauptwerk wurden im Pedal spielbar. Seine Orgeln waren von solidem Handwerk und, so heißt es, von großer Klangschönheit. Von einem späteren Orgelbauer, Johann Andreas Zuberbier, besitzen wir eine Auflistung der 23 Register, die de Mare vermutlich in diese Orgel eingebaut hat.

Manual:

Principal 8‘, Hohlflöte 8‘, Oktave 4‘,

Rohrflöte 4‘, Nachsatz 3‘, Oktave 2‘,

Sesquialter 2‘, Basson 16‘, Vox humana 8‘.

 

Rückpositiv:

Querflöte 4‘, Gedackt 8‘, Quintathena 8‘,

Quinte 3‘, Oktave 2‘ (Schweizerpfeife 2‘?),

Zimbel 2‘, Mixtur 3-fach, Oboe 8‘.

 

Pedal:

Principal 16‘, Oktave 8‘, Oktave 4‘,

Mixtur 4-fach, Posaune 16‘, Trompete 4‘.Von der Loccumer de-Mare-Orgel besitzen wir kein Bild. Man kann aber annehmen, dass ihr Gehäuse im Stil der Spätrenaissance gestaltet war. Der historische Zufall will es, dass in der Stellichter Gutskapelle (bei Walsrode) noch ein wunderbares altes Orgelgehäuse zu sehen ist, das ebenfalls von einer Andreas-de-Mare-Orgel stammt und 1610 – also nur elf Jahre nach der Vollendung der Loccumer Orgel – von seinem Sohn Marten de Mare errichtet wurde. Der Stellichter Orgelprospekt gibt uns einen Eindruck, wie die Loccumer Orgel ausgesehen haben könnte. Sicher war die Loccumer Orgel größer und ihr Gehäuse wohl kaum so prächtig wie das in der Gutskapelle (mit vergoldeten Prospektpfeifen). Die Ähnlichkeit mit der Loccumer Orgel bleibt eine Vermutung. Was wir aber kennen, sind die Inschriften auf den Tafeln, die an beiden Seiten des Loccumer Orgelgehäuses angebracht waren. Abt Stracke hat sie uns im lateinischen Original überliefert:

„Diß steht an einer halbe des orgelwercks.

Reverendus huius monasterii Ioannes Fenger opus hoc organicum anno post Christum natum 1594, 7. August(i), inchoavit, qui cum diem obiisset suum anno 1596, 4. Mart(ii), reverendus Ioannes Beese abbas et Theodorus Strake monasterii prior, ab dei laudem et ecclesiae ornamentum. Anno 1599 organicum hoc opus feliciter absoluerunt.

 

Diß stehet an der anderen halbe.

Andreas de Mare Gandavensis artifex in construendis organis peritus et insignis organicum hoc opus arte et industria sua construxit.

 

Oben stehet diß.

Deo uni et trino sacrum.

 

Darunter stehen diese verß:

Voce Dei laudes ecclesia concinit illum,

praedicat organic(um) offitiosa sonis.

Psallite et exultate Deum laudate parentem,

organa dulce melos perpetuo resonent.

 

Am balken darunter steht diß.

Ps. 151: Laudate dominum in sono tubae, laudate eum in psalterio et cythara, laudate eum in tympano et choro, laudate eum in chordis et organa, laudate eum in cymbalis benesonantibus, laudate eum in cymbalis iubilationis, omnis spiritus laudet dominum“ (I, Blatt 180r).

 

In deutscher Übersetzung sagt diese Inschrift:

 

Diß steht an einer halbe des Orgelwercks

Während der verehrungswürdige Abt dieses Klosters Johannes Fenger den Bau dieser Orgel am 7. August 1594 begonnen hat – er starb am 4. März 1596 –, haben der verehrungswürdige Abt Johannes Beese und der Prior des Klosters Theodor Stracke zu Gottes Lob und zum Schmuck der Gemeinde 1599 dieses Orgelwerk glücklich vollendet.

 

Diß stehet an der andern halbe

Andreas de Mare aus Gent, ein erfahrener und ausgezeichneter Orgelbaumeister, hat diese Orgel mit seiner Kunstfertigkeit und seinem Fleiß gebaut.

 

Oben stehet diß

Dem einen und dreieinen Gott.

 

Darunter stehen diese Vers:

Mit ihrer Stimme singt die Gemeinde das Lob Gottes.

Es preist ihn auch die Orgel, dient ihm mit ihren Klängen.

Singt Gott Psalmen, frohlockt und lobt ihn voller Demut.

Orgeln sollen mit lieblichem Lied immerdar erklingen.

 

Am balken darunter steht diß:

Psalm 150,3-6: Lobet ihn mit Posaunen, lobet ihn mit Psalter und Harfen!

Lobet ihn mit Pauken und Reigen, lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!

Lobet ihn mit hellen Zimbeln, lobet ihn mit klingenden Zimbeln!

Alles was Odem hat, lobe den Herrn!“

Die Inschrift Abt Strackes sagt, dass der Bau der Orgel fünf Jahre gedauert hat und Abt Fenger seine Vollendung nicht mehr erlebte. Treffend wird der Sinn der Orgelmusik beschrieben: sie erklingt zu Gottes Lob und als „Schmuck“ der Gemeinde.