Loccumer Orgelbüchlein

Die neue Orgel: Kunstwerk mit vielen Facetten

von Orgelbauer Roman Seifert, Kevelaer

Gehst du an einer Kirche vorbei und hörst Orgel darin spielen, so gehe hinein und höre zu. Wird es dir gar so wohl, dich selbst auf die Orgelbank setzen zu dürfen, so versuche deine kleinen Finger und staune vor dieser Allgegenwart der Musik.

Diese Worte brachte Robert Schumann 1849 in seinen Musikalischen Haus- und Lebensregeln zu Papier. Und wir wissen, wie wahr sie sind und dass sie noch immer gelten.Wenn für gewöhnlich in einer Kirche der Platz der Orgel auf einer Empore im Westen zu finden ist, haben wir Orgelbauer sehr leicht die rechten Proportionen zur Hand, um eine gute technische und musikalisch durch­dachte Organisation des Instrumentes zu schaffen. Anders war es hier in der Stiftskirche des Klosters Loc­cum. Die einstmals vorhandene Empore gibt es schon lange nicht mehr und es war auch nicht daran zu denken, sie wieder zu errichten, ist doch dieser Platz schon lange kunstreich gefüllt. Hier sollte – nach reiflicher Überlegung und Abwägung der Vor- und Nachteile – das neu zu schaffende Instrument seinen Platz im nördlichen Querschiff nahe des Altars finden. Doch eine große Kirche verlangt auch nach einer passenden Orgel, die in der Lage ist, die ganze Gemeinde im Gesang zu begleiten und zu führen; sie ist entsprechend groß in ihren Ausmaßen. Es galt also diesen vermeintlichen Widerspruch zu lösen: die Orgel soll entspre­chend der Regeln der Orgelbaukunst eine wohldurchdachte Aufstellung des Pfeifenwerks haben, die Anlage der mechanischen Traktur ein sensibles Spielgefühl für die Organisten erlauben und alle Technik muss im Interesse einer auf Generationen angelegten Nutzung gut zu erreichen sein. Zugleich waren die Einwände aus denkmalpflegerischer und architektonischer Sicht berechtigt, dass der Eindruck des schlichten und doch zugleich kunstvoll gegliederten Kirchenraumes hierdurch nicht beeinträchtigt wird.So ist aus dem Zusammenwirken aller Beteiligten diese Skulptur einer Orgel entstanden. Da­bei war es uns Orgelbauern ganz beson­ders wichtig, auf eine gute Aussprache­möglichkeit für das Pfeifenwerk zu achten. Manch­mal sind die Regeln der Physik ganz einfach: Eine Orgel, die versteckt im Seiten­schiff steht und vom Hauptschiff nicht sichtbar ist, kann auch mit ihrem Klang nicht dorthin gelangen. So ragt nun oberhalb des Spieltisches in etwa drei Metern Höhe das Hauptwerk weit über dem Spieltisch nach vorne, um den Klang ohne Umlenkungen ins Hauptschiff aussprechen zu lassen. Dies ist hier umso wichtiger, als in der Disposition das zweite Manual als Wechselschleife gebaut ist: Diese Register sind dem Hauptwerk (das auf dem ersten Ma­nual gespielt wird) entlehnt und lassen sich wechselseitig auf beiden Manualen nutzen.Darüber befindet sich, wieder auf die Vorderkante des Spieltisches zurückversetzt, das Pfeifenwerk des dritten Manuals: das Schwellwerk. Es steht in einem zusätzlich geschlossenen Gehäuse, das mit Jalousien geöffnet werden kann und hierdurch eine Dynamik der Lautstärke erlaubt. Für das Schwellwerk ist dieser zurückgezogene Platz ideal, soll es doch eher indirekt und etwas vernebelt erklingen. Wir haben eine zweite zusätzliche Jalousie an der Rückseite eingebaut, welche diesen Effekt noch verstärkt und die Klangquelle scheinbar noch weiter entrückt. Im hinteren Teil der Orgel finden die Pfeifen des Pedals ihren Platz, die mit ihren tiefen Fre­quenzen weniger Anspruch auf eine nahe Aufstellung brauchen – dies sind auch die größten Pfeifen der Orgel: Bei etwa fünfeinhalb Metern Länge erzeugen sie einen Klang von 16 Hertz: kaum hör-, doch deutlich spürbar tragen sie den Klang der übrigen Pfeifen.Die äußere Gestaltung der neuen Orgel lässt keinen Zweifel aufkommen, dass dieses Instrument zu Beginn des dritten Jahrtausends – achteinhalb Jahrhunderte nach Gründung des Klosters Loccum – erbaut wurde. Doch beim Blick in das Instrument wird deutlich, dass wir Orgelbauer dies noch genauso kunstvoll machen, wie es Andreas de Mare, Johann Andreas Zuberbier und die übrigen Orgelbauer, die hier gewirkt haben, getan ha­ben. Mehrere Dutzend Stämme Eichenholz für die Windladen, das Gehäuse, die Bälge und Kanäle sowie feine Hochgebirgsfichte für die Holzpfeifen, Abstrakten und Tasten und auch Birn- und Pflaumenbaum, Weißbuche und Ebenholz haben wir in über 12.000 Arbeitsstunden verarbeitet und zu dieser Orgel veredelt. Mehrere Dutzend Felle Schafsleder sind für die Anfertigung der vier Bälge und zur Abdichtung der Windanlage genutzt worden, fast zwei Tonnen Zinn und Blei wurden eingeschmolzen, um die über 2.800 Pfeifen anzu­fertigen. Zählt man dies alles zusammen, ergibt sich ein Gesamtgewicht von 12.100 Kilogramm; die neue Orgel hat eine Höhe von 10,50 Meter, an ihrer breitesten Stelle misst sie 4,19 Meter und hat eine Tiefe von 6,24 Metern. Blicke ich nun, wo die neue Orgel fertig gestellt ist, auf die Zeit davor zurück, empfinde ich zuerst tiefe Dankbarkeit: gegenüber unserem Auftraggeber, dem Konvent des Klosters Loccum für das große Vertrauen, unsere Werkstatt mit dieser anspruchsvollen Aufgabe beauftragt zu haben. Und ganz besonders für die offe­nen Ohren und das Verständnis, wenn wir unsere Sorgen für das exzellente Gelingen vorbrachten: sei es bei der Definition des Aufstellungsortes oder während der technischen Montage, die begann, als die umfangrei­che Restaurierung der Klosterkirche noch lange nicht abgeschlossen war. Diese Unterstützung hat uns sehr geholfen. Dankbar bin ich auch den begleitenden Orgelsachverständigen, die uns zusammen mit dem Stifts­kantor Herrn Merkel inspiriert und begleitet haben, dass dieses Instrument zu hoher künstlerischer Güte gefunden hat. Ich möchte auch den vielen übrigen Beteiligten Dank sagen, die unseren Enthusiasmus für ein gutes Gelingen geteilt haben. In einer sehr angenehmen und inspirierenden Zusammenarbeit mit Herrn von Mansberg und seinem Büro haben wir den Weg zur Gestaltung der Orgel begleitet.Ich bin überzeugt, dass diese Liebe und Leidenschaft zum Instrument spür- und hörbar wird für alle, die am Spieltisch sitzen oder im Konzert und Gottesdienst den Klang erfahren. Und ganz besonders die schönen Erinnerungen an die Gespräche und Begegnungen mit dem Abt des Klosters Loccum, Herrn Horst Hirschler, erinnern mich wieder an Robert Schumanns Buch, in welchem es ebenso heißt:

 Ohne Enthusiasmus wird nichts Rechtes in der Kunst zu Wege gebracht.