Loccumer Orgelbüchlein

Eine gotische Orgel im Jahr 1417

von Ludolf Ulrich

In der Chronik des Abts Theodor Stracke, verfasst 1608 bis 1629, findet sich der Hinweis, dass im Jahr 1417 in der Loccumer Stiftskirche eine Orgel eingeweiht wurde1.Stracke schreibt:

„Anno 1417 completum est aedificium organi, sub regimine Werneri abbatis, in prothofesto corporis Christi (Donnerstag, 10. Juni 1417), diß wahr ein alt groß wercke, und an demselben großen wercke ist diß vorige gestanden, der datum do es ist vollendett.“

 Übersetzt lautet die lateinische Inschrift:

„Im Jahr 1417 wurde unter Abt Werner der Bau einer Orgel vollendet, am Fronleichnamsfest (Donnerstag, 10. Juni 1417).“

Stracke fügt hinzu, diese Inschrift habe sich auf dem Gehäuse der alten Orgel befunden. Die Strackesche Chronik fährt dann fort:„Vor diesem wercke, ehe das ist angefangen, wahr ein ander klein werck an der mauer, da man nach dem kirchhofe ausgehet; in was jahr das ist gebowet und unter welchem abtte, finde ich keine nachrichtunge. Da ich in das kloster kam (1577), da stund noch die struktur und das gebäu mit der treppen, ohne die pipen, die sind vielleicht gebraucht zu dem andern wercke.“


Stracke ist also noch auf das Gehäuse einer „kleinen“ Orgel gestoßen, vielleicht ein Positiv, das auf einem Podest im nördlichen Querschiff stand und schon vor 1417 im Gebrauch war. Genaueres wissen wir über diese Orgel aber nicht und wenden uns daher der Orgel von 1417 zu. Erstaunlich, eine gotische Orgel! Abt Stracke hatte sie noch deutlich vor Augen und ihren Klang im Ohr. Er beschreibt sie als „ein alt groß werck“, vermutlich also mit zahlreichen Registern ausgestattet. Sie muss in der Nähe des Chorgestühls, also in der Vierung oder im Querschiff der Kirche, gestanden haben.

Man fragt sich: Wozu eine Orgel in einem spätmittelalterlichen Zisterzienserkloster? Liturgie und Psalmen wurden in den Klöstern seit eh und je a cappella gesungen! Doch „seit dem 15. Jahrhundert wurde der Wechsel zwischen Sängern und Orgel üblich. Die Orgel hatte dabei auch einstimmige Passagen vorzutragen.“2 „Alternatim“ (= wechselweise) nennt man diese Art des Wechsels zwischen Orgel und Gesang. Abt Werner war mit seiner Anschaffung also ganz auf der Höhe der Zeit.Etwa 180 Jahre lang tat die gotische Orgel ihren Dienst. Stracke muss die alte Orgel aus dem Jahr 1417 sehr geschätzt haben, denn er zeigt sich äußerst verärgert über ihren Abriss durch Abt Fenger im Jahr 1596, den er miterlebt hat:

 „Ist aber anno 1596 wieder hernidder gerissen und gebrochen von abtt Fenger… und isth schande uber alle schande, daß er es hatt lassen herniedder rißen, umb der alten antiquitet willen, aber weinig pfeiffen wurden zum newuen wercke gebrauchett, sundern wurden alle verschleppett.“ (I, Blatt 188r)

Jedenfalls begann mit Abt Fenger ein neues Kapitel in der Klostergeschichte und auch in der Geschichte der Loccumer Orgeln. Denn Fenger „hat abgeschaffet die Catholische lehre und eingeführt die lutterische lehre“, so Stracke. Abt Fenger öffnete das Kloster für die Reformation. Das bedeutete unter anderem, dass die Loccumer Gemeinde jetzt in der Klosterkirche ihre Gottesdienste feiern durfte. Fenger überließ der Gemeinde den Westteil der Kirche, der bis dahin nur den Laienmönchen für ihre Stundengebete und Messen zur Verfügung stand. Die evangelisch gewordenen Gemeindeglieder fanden hier jetzt ein gottesdienstliches Zuhause.Nun hatte die alte Orgel den falschen Platz und genügte auch den neuen Ansprüchen nicht mehr. Man brauchte jetzt eine Orgel zur Begleitung des wichtiger gewordenen Gemeindegesangs. Johannes Fenger holte sich für den Neubau einen hervorragenden und renommierten Orgelbauer der damaligen Zeit: Andreas de Mare aus Gent, einen Niederländer.

Lesen hier etwas über die Renaissance-Orgel von Andreas de Mare