Loccumer Orgelbüchlein

Dialog zwischen den Zeiten in Selbständigkeit

von Orgelarchitekt Carl-Peter von Mansberg, LüneburgVor einigen Jahren bin ich schon einmal gefragt worden, ob ich für einen bedeutenden mittelalterlichen Kirchenraum, neben einer bestehenden, barocken eine neue Orgel würde entwerfen wollen. Ich spürte die große Verantwortung, die mit einer solchen Arbeit verbunden war und habe deshalb gezögert, ehe ich dann doch und gern diesen Auftrag annahm. Das war hier in Loccum nicht anders, so sehr mich auch der Ruf von Bischof Hirschler freute. Wir kannten uns aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer in Lüneburg. Damals hatten wir gemeinsam einen großen, freistehenden gläsernen Schaukasten vor das Kirchenportal von St. Johannis nach zähem Ringen mit der Genehmigungsbehörde platziert.Bei aller gewachsenen Erfahrung war die Loccumer Orgel erneut eine große Herausforderung! Auf die Größe des Instrumentes hatte ich keinen Einfluss. Die Disposition war gegeben. Aber „Wie mit einer daraus abgeleiteten Baumasse in diesem Raum umgehen, ohne dessen Harmonie und Würde zu stören?“, war die zentrale Frage. Neben zahllosen Skizzen haben wir eine Vielzahl von Arbeitsmodellen von sehr unterschiedlichen Orgelkörpern im Maßstab M 1:50 gefertigt und in ein großes Raummodell, das vor allem Mittelschiff und Querschiff mit Altarbereich darstellte, gesetzt. Viele Male haben Bischof, Orgelbauer, Architekt und Ausschussmitglieder sich tief über das geöffnete Raummodell gebeugt, um die verschiedenen Konzepte verstehen und beurteilen zu können. Jedenfalls soweit die Vorstellungskraft für eine Übertragung in den realen Raum mit seinen Licht- und Maßverhältnissen wohl reichte. Zuletzt konzentrierten sich die Untersuchungen besonders auf die genaue Position des favorisierten Orgelentwurfes an der Nahtstelle zwischen dem nördlichen Teil des Querschiffes und dem Hauptschiff an der Schwelle zum Chor und Altarbereich. Anhand eines vereinfachten, turmartigen, auf Rollen verschiebbaren Orgel­modells im Maßstab 1:1 wurden leidenschaftliche Debatten darüber geführt, wie weit, auch unter akustischen Gesichtspunkten, die neue Orgel in die große Sichtachse des Mittelschiffes würde vorrücken dürfen, ohne den prägenden Rhythmus der Pfeiler zu stören.Plötzlich kamen erneut grundsätzliche Zweifel an der Ansiedlung des Instrumentes dort vorn an der Vierung auf. Aber die Verständigung unter allen Beteiligten gelang schließlich mit einem Kompromiss: Das Hauptwerk allein durfte sich vorwagen, ein Charakteristikum der Gesamtgestalt, ein Kristall aus silbrigen Pfeifen über dem Boden schwebend.Längst war anhand der Arbeitsmodelle entschieden worden, dass die neue Orgel völlig frei stehen sollte, aber – nach Überzeugung des Architekten – nicht in der Mittelachse des Querschiffes, sondern seitlich nach Osten verschoben wie die Totenpforte, eine vorsätzliche Störung der Symmetrie. Die Pforte tritt wieder in Erscheinung als ein wichtiges Element des nördlichen Querschiffes. Außerdem entsteht auf diese Weise ein zusätzlicher Raum für Andachten mit ganz eigener Prägung. Die Orgel selbst nimmt dieses Motiv auf: Sie ist um ihre Mittel­achse zwar symmetrisch organisiert, aber in Teilbereichen widerspricht sie diesem Dogma zum Beispiel durch die einseitige große Überkragung oder der Pfeifenanordnung auf der Nord- und Westseite. Alle Abmessungen entsprechen den Maßen des Raumes, das sind Schritt, Fuß, Elle usw., geordnet nach dem goldenem Schnitt. In der Neuzeit haben der Franzose Le Corbusier und Albert Einstein diese „menschlichen Maße“ auf das metrische System übertragen, den Modulor, eine Art Tonleiter, die von dem Architekt und dem Orgelbauer konsequent auf alle sichtbaren Bauteile angewendet wurde. Dies stellt einen wichtigen Teil der Integration in den Kirchenraum dar. Und die Materialien? Da sind zunächst und vornehmlich Zinnpfeifen, auf gleiche Längen gebracht, nur durch den Wechsel der Oberflächenbehandlung gegliedert. Der Hauptorgelkörper zeigt die bodenständige Eiche im Spiel mit dem dominierenden Sandsteinmaterial des Raumes. Ganz anders der Sockel mit den Windmaschinen, das Grundbauwerk: verhängt mit Recyclinggläsern auf Stahlrahmen, weißes Glas in seiner ursprünglichen Erscheinung. Und das Schleierwerk: Streckmetall aus Aluminium, gold-eloxiert, ein typisches Industrieprodukt unserer Zeit, ein Hauch von Festlichkeit und Glanz. Wir haben uns sehr schnell auf diese Materialerzählung verständigen können. Wir alle wollten keine Annäherung an diesen Raum durch Imitationen oder Unaufrichtigkeiten. Wir suchten eher den Dialog zwischen den Zeiten in Selbständigkeit und Respekt vor der Schönheit des Ortes, der sich im Spiegelgesims abbildet, ein leichtes Schweben bis hinauf zur Krone und dem Gewölbe. Das neue Lesepult führt diese Gedanken fort.